Nancy Denecke kann sich keinen schöneren Beruf für sich vorstellen. 2004 begann sie ihre Ausbildung in der Glockenbergsschäferei in Eimke in der Lüneburger Heide. 2009 wurde sie als erste Frau in der Geschichte Siegerin im "Bundesleistungshüten" des Vereins Deutscher Schäferhunde.
Was schon von weitem auffällt, sind die fast hüftlangen blonden Haare der Mittzwanzigerin. Unter der breiten Krempe des Filzhutes fallen sie als helles Band über den schwarzen Mantel der Schäferin. Wie ein Standbild steht sie in der Heide, leicht auf den Schäferstab gestützt, den Blick auf ihre Heidschnuckenherde gerichtet, ihren Schäferhund an der kurzen Leine.
Ein leichter Wind spielt in den Haaren, die schwarzen Regenwolken haben ein blaues Sonnenfenster aufgemacht. Die dunkelgrüne Öljacke hat die Schäferin über ihre Tasche gehängt. "Wenn es den ganzen Tag in Strömen regnet oder gar Hagelkörner auf Filz-Hut und Ölzeug klatschen, ist das Schäferleben schon hart", sagt die Hüterin von 280 Schafen, fünf Ziegen und Schäferhund "Lani".
Noch härter sei es nur im Winter, wenn man Stunden lang im Schnee stehe. "Ich muss den Tieren Zeit geben, ihr Futter zu finden, da kann ich nicht hin und her laufen, um mich warm zu halten. Das würde die Tiere nervös machen, auch meinen Hund, und wir alle hätten Stress."
Im Moment würde "Lani" allerdings gerne von der Leine gelassen. Der vierjährige Rüde möchte eigentlich die Herde vom Wald fernhalten. "Für Lani markiert der Waldrand die Grenze des Erlaubten. Er will die Herde auf der Heide halten." Hier in der Klein Bünstorfer Heide südlich von Bad Bevensen sollen die Heidschnucken jedoch gerade auch die jungen Kiefern- und Birkenschösslinge "schnucken", die von den Rändern her das Naturidyll bedrohen. Und deshalb sind auch fünf Ziegen dabei. Sie stellen sich auf ihre Hinterbeine und rücken dem Buschwerk und jungen Bäumen zu Leibe.
Wenn Schnucken und Ziegen zu weit in den Wald drängen, genügt ein kurzes Kommando von Nancy Denecke, um 1140 Beine schnurstracks zur Kehrtwendung zu bewegen. "Die wissen, dass sie sonst von Lani zur Raison gebracht werden." Spätestens wenn die Tiere den Namen des Hundes rufen hören, suchen sie schnellstens die Nähe der Schäferin.
Wenn Nancy Denecke gegen 11 Uhr morgens die Herde aus dem Pferch auf der Wiese holt, wo sie die Nacht verbracht hat, tippeln die Ziegen hinter der im langen schwarzen Schäfermantel ausschreitenden Herrin her. Die Schnucken folgen den Ziegen, haben die größte Ziege längst als "Leithammel"akzeptiert. "Lani" sorgt notfalls neben der Herde dafür, dass kein Tier vom rechten Weg abkommt. Ein Bild von beeindruckender Idylle.
"Innere Ruhe, Ausgeglichenheit, ausgeprägte Tierliebe, Vertrautheit mit der Natur und Wetterfestigkeit" bezeichnet die junge Schäferin als wichtigste Voraussetzungen für ihren Beruf. Und als Frau zusätzlich noch jede Menge "Selbstbewusstsein und Selbstbehauptungswille".
Das gilt erst recht, wenn die Schäferin blond ist und auch den Titel einer Frauenzeitschrift zieren könnte. Sie muss eben auch einen 100 Kilo schweren Bock auf den Rücken legen, um ihm die Klauen auszuschneiden. "Das ist alles eine Frage der Technik. Und die habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Wie alles andere, was ich brauche."
2009 gewann Nancy Denecke als erste Frau die "Goldene Schippe" beim jährlichen Wettbewerb im Bundesleitungshüten des Vereins für Deutsche Schäferhunde - vor ihrem Ausbilder Gerd Jahnke aus der Ellerndorfer Heide. Und so ist sie natürlich auch schon auf Youtube zu sehen. 2010 zog ihr Chef beim Hüttewettbewerb wieder an ihr vorbei.
Beim Leistungshüten müssen die Schäfer mit ihren ein oder zwei Hunden eine für alle Teilnehmer gleiche Wettbewerbsherde aus rund 300 Schafen sicher und ruhig auspferchen, verschiedene Aufgaben erledigen und sie dann wieder unverletzt in den Pferch zurückbringen.
Bevor sich Nancy Denecke für die dreijährige Ausbildung entschied, arbeitete sie in der Nähe ihres Heimatortes Hüttenrode während ihres "Freiwilligen ökologischen Jahres" in einem Wildpark im Ostharz. "Ich war für den Streichelzoo zuständig und den ganzen Tag mit Tieren zusammen. Die Tierpflegehelfer durften immer nur Ställe säubern und Futter herrichten." Also stand fest: Tierpfleger nein, ein Beruf mit Tieren ja.
Für die "Glockenbergsschäferei" von Renate und Gerd Jahnke aus Eimke entschied sie sich, weil diese "auch als Züchter von Schäferhunden einen erstklassigen Ruf haben". Und mit Schäferhunden war Nancy aufgewachsen. Vor sechs Jahren begann die Ausbildung bei Schäfermeister Gerd Jahnke in der Ellerndorfer Heide. Jetzt ist Nancy Denecke 25 Jahre alt, seit vier Jahren ausgebildete Schäferin und sicher, dass sie ihren "Traumberuf gefunden" hat.
Und in dem will sie bleiben, in zwei Jahren vielleicht sogar die Meisterprüfung ablegen. Ihr Partner weiß, dass sie "keine Frau mit Achtstunden-Job und geregelter Büroarbeitszeit" ist. Der Familienplanung stehe das aber nicht im Weg. Die strahlend blauen Augen versichern: "Da mache ich mir keinen Kopf. Es gibt ja auch noch Omis ..." Außerdem könnte sie sich "gut vorstellen, das Kind beim Hüten mit dabei zu haben".
Da die über 1100 Tiere der Herde meist in der Ellerndorfer Heide rund um Eimke "schnuckt", wo Nancy Denecke mittlerweile wohnt, wird es wohl gehen. Ob Regen, Schnee oder strahlende Sonne - gemeinsam mit ihren Hunden verbringt Nancy Denecke die Tage des Jahres bei Heidschnucken, Schafen und Ziegen im Freien. Von der Geburtshilfe in der Lammzeit über die Pflege der Tiere bis zur Vermarktung ist sie an sieben Tagen der Woche gefordert.